Wenn der Alltag plötzlich aus den Fugen gerät

Pferdgestützte Angebote bei postaktuten Infektionssyndromen (PAIS) – Zwei Fallbeispiele aus der Praxis

Wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es einmal war, und Eltern zusehen müssen, wie sich der Gesundheitszustand ihres Kindes zunehmend verschlechtert, entsteht zunächst vor allem Ratlosigkeit. Arztbesuche und umfangreiche diagnostische Untersuchungen liefern häufig zunächst keine eindeutige Erklärung für die Beschwerden. Stattdessen werden nicht selten psychische Belastungen oder psychische Erkrankungen als mögliche Ursache diskutiert. Dies führt häufig zu weiterer Verunsicherung – sowohl bei den Betroffenen als auch bei ihren Familien. Während sich die Symptome verstärken, steigen die Fehlzeiten in der Schule, wodurch zusätzlicher Druck entsteht. Gefühle von Hilflosigkeit und Überforderung prägen zunehmend den Alltag.

So erging es meinem Klienten Simon (9 Jahre) und meiner Klientin Paula (17 Jahre), die beide einen langen und belastenden Weg bis zu ihrer Diagnosestellung durchlaufen mussten. Mit meinem Bericht möchte ich anderen Erkrankten Mut machen und beispielhaft zeigen, wie die pferdgestützte Arbeit den Genesungsprozess von Patienten mit postakuten Infektionssyndromen (PAIS) begleiten und unterstützen kann.

Simon – Schritt für Schritt zurück ins Leben

Aus einem aktiven und gesunden neunjährigen Jungen, der jede freie Minute auf dem Fußballplatz verbrachte, seine Freunde traf und schulische Anforderungen mühelos bewältigte, wurde innerhalb kurzer Zeit ein stark erschöpftes Kind. Ausgeprägte Kopfschmerzen, anhaltende Bauchschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie eine intensive Berührungsempfindlichkeit im Kopfbereich bestimmten plötzlich Simons Alltag. Fußball, Schule, Freundschaften und Hausaufgaben – Aktivitäten, die zuvor selbstverständlich waren – wurden zunehmend zur Belastung.

Nach zahlreichen Arztbesuchen wurde schließlich in einer PEDNET-Ambulanz (PEDNET ist ein bundesweites Netzwerk spezialisierter Ambulanzen und Forschungseinrichtungen zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit postakuten Infektionssyndromen (PAIS), insbesondere nach COVID-19) die Diagnose eines PAIS gestellt. PAIS bezeichnet einen Sammelbegriff für anhaltende oder neu auftretende gesundheitliche Beschwerden nach einer überstandenen viralen, bakteriellen oder parasitären Infektion. Die Symptome können über Wochen oder Monate bestehen bleiben und die körperliche, kognitive sowie psychische Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Dabei handelt es sich nicht um eine eigenständige Diagnose, sondern um einen Oberbegriff für verschiedene postinfektiöse Krankheitsbilder.

Wie bei Simon wird PAIS häufig erst verzögert erkannt. Gründe hierfür sind die unspezifische Symptomatik, das oft zeitversetzte Auftreten der Beschwerden sowie das Fehlen eindeutiger Labor- oder Bildgebungsbefunde. Darüber hinaus können die Symptome anderen körperlichen oder psychischen Erkrankungen ähneln. Insbesondere die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM) – eine zeitverzögert auftretende Verschlechterung der Beschwerden nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung – erschwert die frühzeitige Diagnosestellung.

Mit der Diagnose wurde deutlich, dass Simons Belastungsfaktoren reduziert und individuelle Strategien zur Wahrnehmung und Einhaltung seiner Belastungsgrenzen entwickelt werden mussten. Während er wenige Wochen zuvor noch Taktiken für sein nächstes Fußballspiel plante, musste er nun gemeinsam mit seinen Eltern Strategien entwickeln, um den Alltag bewältigen zu können.

Neben den körperlichen Beschwerden traten auch emotionale Belastungen auf. Simon musste lernen, seine begrenzten Energieressourcen einzuteilen, ausreichend Erholungsphasen einzuplanen und Strategien zur Regulation seines Nervensystems zu entwickeln. Eine große Herausforderung für ein aktives und lebensfrohes Kind seines Alters.

Im Februar 2026 kam Simon erstmals zur pferdgestützten Förderung auf den Mainwiesenhof. Er wirkte schüchtern, zurückhaltend und erschöpft, zugleich aber neugierig und voller positiver Erwartung. Nach einer ausführlichen Anamnese wurden die Förderung von Achtsamkeit, eine angemessene Fokussierung sowie die Verbesserung der Körperwahrnehmung als zentrale Förderziele definiert. Ergänzend sollten die emotionale Stabilität, das Selbstvertrauen und das Selbstwirksamkeitserleben gestärkt werden. Langfristig war – auf Grundlage einer stabilen Basis – ein behutsamer Belastungsaufbau vorgesehen.

Von Beginn an war klar, dass die Inhalte flexibel an Simons Tagesform angepasst werden mussten, um Überforderung zu vermeiden. Die Einheiten wurden daher zunächst bewusst kurz gehalten. Bereits 15 Minuten fokussierte Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt stellten anfangs eine große Herausforderung dar. Zu viele Reize konkurrierten um seine Aufmerksamkeit, zu viele Gedanken drängten sich in den Vordergrund.

Um Simon bei der Aufmerksamkeitssteuerung zu unterstützen, entwickelte ich gemeinsam mit ihm die Vorstellung eines „Gedankenkühlschranks“. Gedanken, die nichts mit dem aktuellen Moment zu tun hatten, konnten dort symbolisch „auf Eis gelegt“ werden. Simon nahm diese Strategie sehr gut an und konnte sich dadurch zunehmend besser auf die jeweilige Situation konzentrieren. Im weiteren Verlauf wurden die Einheiten schrittweise verlängert und dauern heute maximal 45 Minuten.

Die Arbeit mit Nancy

Die Einheiten folgen einer festen Struktur mit wiederkehrenden Ritualen und Abläufen, um Vorhersehbarkeit, Orientierung und Sicherheit zu schaffen. Einen zentralen Wirkfaktor stellt dabei die Beziehung zum Therapiepferd Nancy dar.

Aufgrund ihrer eigenen Stoffwechselerkrankung bringt auch sie körperliche Einschränkungen mit, die Simon von Beginn an als verbindendes Element wahrnahm.

Jede Einheit beginnt mit einer kurzen Zustandsabfrage, um die aktuelle Belastbarkeit einzuschätzen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Anschließend begrüßt Simon Nancy. Dazu hält er ihr seine ausgestreckte Hand hin und freut sich jedes Mal, wenn sie diese sanft berührt. Danach legt er ihr das Halfter an und führt sie zum Putzplatz.

Beim Führen achtet Simon bewusst auf eine aufrechte Körperhaltung und einen klaren Blick in Bewegungsrichtung. Auf dem Weg zum Putzplatz ist besondere Aufmerksamkeit gefragt, da Nancy gerne versucht, am Grünstreifen einen Happen Gras zu erhaschen. Während des Putzens werden regelmäßig kleine Atem- und Wahrnehmungspausen eingebaut. In diesen Momenten legt Simon seinen Kopf an Nancy, schließt die Augen und nimmt sich bewusst Zeit, zur Ruhe zu kommen.

Sofern seine Tagesform es zulässt, folgt ein aktiver Teil. Dieser umfasst Ausritte, Führübungen durch einen Parcours oder Elemente der Bodenarbeit. Besonders gerne arbeitet Simon mit Nancy an Übungen, bei denen er sie durch Körpersprache, Körperspannung und gezielte Signale rückwärts schickt und anschließend wieder zu sich einlädt.

Das Reiten selbst steht für Simon weniger im Vordergrund. Viel bedeutsamer ist für ihn die Erfahrung, ein so großes Tier durch sein eigenes Handeln bewegen und beeinflussen zu können. Diese Erlebnisse stärken sein Selbstbewusstsein und sein Selbstwirksamkeitserleben. Gleichzeitig lernt er, gezielt Spannung aufzubauen und wieder loszulassen – eine Fähigkeit, die auch für den Umgang mit seiner Erkrankung von großer Bedeutung ist.

Nach der gemeinsamen Arbeit bringt Simon Nancy zurück auf ihr Paddock und verabschiedet sich in Ruhe von ihr. Den Abschluss jeder Einheit bildet die 5-4-3-2-1-Achtsamkeitsübung. Dabei sucht Simon zuerst fünf Dinge, die er sehen kann, dann vier Geräusche, die er hört, drei Gegenstände, die er fühlen kann, zwei Gerüche, die er wahrnimmt, und abschließend ein Gefühl, das seinen aktuellen Zustand beschreibt.

An Tagen mit geringer Belastbarkeit entfällt der Aktivteil. Stattdessen widmen wir uns nach dem Putzen dem Streicheln und Versorgen der Hofkatzen, die Simon ebenfalls sehr schätzt. So bleibt die Teilnahme auch an symptomstärkeren Tagen möglich und positive Erfahrungen können unabhängig von seiner aktuellen Leistungsfähigkeit gesammelt werden.

Erste Fortschritte

Simons Mutter ist Psychologin und war – ebenso wie sein Vater – von Anfang an offen für unser pferdgestütztes Angebot. Schon nach der ersten Einheit meldeten beide mir zurück, dass ihm der restliche Tag viel „Nancy Energie“ (wie Simon es nannte) gegeben hatte und er sich deutlich besser konzentrieren konnte.

Nach und nach stabilisierte sich sein Zustand immer mehr – wenn auch nicht ohne den einen oder anderen Crash, da es kaum möglich ist, die Belastungsgrenze immer richtig einzuschätzen. Dennoch ist Simon inzwischen wieder in der Lage, Spaziergänge zu machen, stundenweise die Schule zu besuchen, und sogar das eine oder andere Fußballspiel im Garten mit Freunden ist wieder möglich.

Zusammen mit all den vielen Maßnahmen wie Physiotherapie, Meditations- und Regenerationspausen, Ernährungsanpassung und Reizreduzierung, die seine Eltern schon ergriffen hatten, stellen die Einheiten mit Nancy einen bedeutsamen Wirkfaktor für seinen Genesungsprozess dar.

Paula – den eigenen Weg wiederfinden

Paula hat einen ähnlich langen Weg bis zur Diagnosestellung hinter sich. Aufgrund einer spastischen Paraparese sitzt sie die meiste Zeit im Rollstuhl. Zudem leidet sie unter einer chronischen Darmerkrankung und frühkindlicher Osteoporose.

Als bei ihr zu den bekannten Symptomen plötzlich chronische Erschöpfung, Konzentrations- und Kreislaufprobleme hinzukamen, Wortfindungsstörungen auftraten, und ein dauerhaft erhöhter Puls sie zunehmend belastete, wurden zuerst einmal psychische Ursachen als Folge der bekannten körperlichen Erkrankungen vermutet.

Paulas Vertrauen in die Ärzte schwand. Sie fühlte sich nicht ernst genommen und missverstanden. Zu diesem Zeitpunkt war sie in der 10. Klasse einer Realschule und hatte den Schulabschluss vor sich. Es war schwierig für sie in ihrer Klasse, da sie von vielen über ihre Erkrankungen definiert und als Mensch kaum wahrgenommen wurde. Sie war schüchtern, unsicher und kaum in der Lage, für sich selbst einzustehen. Unter dieser Situation litt sie sehr.

Im Juni 2025 kam Paula das erste Mal zu uns auf dem Mainwiesenhof. Sie war offen und freute sich auf das Zusammensein mit den Pferden, gleichzeitig waren aber auch Traurigkeit und Resignation spürbar.

Anfangs gingen wir mit Nancy spazieren und lernten einander erst einmal kennen. In vielen Gesprächen thematisierten wir den Umgang mit Prüfungsangst, Leistungsdruck und sozialen Herausforderungen. Mithilfe praktischer Skills in Form von Gedankenbildern bekam Paula Möglichkeiten an die Hand, mit den unterschiedlichen Herausforderungen besser umgehen zu können und sich von belastenden Themen abzugrenzen.

Nach der Kennenlernphase begannen wir, uns intensiver mit Nancy zu beschäftigen. Bald wurde deutlich, dass Paula große Freude an Horsemanship-Übungen hat, bei denen durch Körpersprache und Energie eine nonverbale Kommunikation mit dem Pferd entsteht.

Auch die Einheiten mit Paula folgen dem gleichen Ablauf wie bei Simon. Paula ist allerdings deutlich belastbarer, sodass für jede Einheit 60 Minuten eingeplant werden können. Je nach Tagesform legen wir immer wieder Pausen ein, in denen Paula – ebenso wie Simon – auf „Tuchfühlung“ geht und so ihr Nervensystem zur Ruhe kommen kann.

Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit wachsen

Paula nimmt nun seit einem Jahr regelmäßig an der pferdgestützten Förderung auf dem Mainwiesenhof teil, und seither hat sich sehr viel verändert. Ihren Schulabschluss hat sie erfolgreich absolviert und ist in der Fachoberschule gut in ihre Klasse integriert.

Sie ist sehr reflektiert und kann genau beschreiben, was ihr die Zeit mit Nancy bisher gebracht hat:

„Durch die Zeit hier mit Nancy habe ich meinen Körper auf einer anderen Ebene kennengelernt. Ich kämpfe nicht mehr gegen ihn, sondern akzeptiere ihn, so wie er ist. So kann ich das Beste daraus machen und meine Ziele erreichen. Das hat mir für mein Energiemanagement geholfen. Ich kann erkennen, was mir guttut, und was nicht und habe durch mein stärkeres Selbstbewusstsein gelernt, für mich und meine Bedürfnisse einzustehen.

 Mit meinen Erkrankungen kann ich jetzt besser umgehen und auch offener auf andere Menschen zugehen. Der Fokus, was andere von mir denken, ist nicht mehr so stark. So kann ich mich besser integrieren, was ein normales Miteinander in einer Gruppe wie z.B. meiner Klasse möglich macht. Das war in meiner alten Klasse undenkbar.

Mittlerweile bin ich für meinen Humor und meine Ironie bekannt und für meine Offenheit und Hilfsbereitschaft geschätzt. Das tut mir sehr gut.

Wenn etwas nicht gleich klappt, kann ich jetzt leichter Alternativen suchen, ohne dass Frustration aufkommt. Durch die Übungen mit Nancy kann ich Energie aufbauen, aber auch schnell wieder abbauen, kann dadurch eher mal loslassen und bin entspannter. Ich habe gelernt, meine Grenzen zu erkennen und einzuhalten, auch wenn ich andere Pläne hatte.

Lange habe ich den Fehler bei mir gesucht, war wütend, frustriert und traurig. Die Erkrankungen haben mir viel genommen, was ich geliebt habe. Und oft sind die Ärzte nicht sehr rücksichtsvoll mit mir umgegangen. Das hat es zusätzlich schwer gemacht.

Bei den letzten Diagnosen, ME/CFS (ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom. Es handelt sich um eine komplexe, chronische Erkrankung, die weit über normale Müdigkeit hinausgeht) und Long Covid, hat es mich schon fertig gemacht, dass noch was dazu kommt, aber ich war auch erleichtert. Denn immer wieder wurde vermutet, es könnte psychosomatisch sein. Außerdem war ich da schon bei Nancy und konnte besser mit diesen neuen Diagnosen umgehen.

Gerne möchte ich anderen Erkrankten mit auf den Weg geben: Es ist nicht deine Schuld!

Auch, wenn es schwer ist: Arbeite nicht gegen deinen Körper. Er gibt das Beste, was er geben kann! Und du bist genauso wertvoll, wie alle anderen.“

Paulas Entwicklung verdeutlicht eindrucksvoll, welches Potenzial in einer ressourcenorientierten und individuell angepassten pferdgestützten Förderung liegen kann. Trotz komplexer gesundheitlicher Herausforderungen gelang es ihr, ein hohes Maß an Selbstreflexion, Selbstwirksamkeit und Akzeptanz zu entwickeln. Ihre Aussagen zeigen eindrücklich, wie bedeutsam die Förderung von Selbstfürsorge, Selbstvertrauen und sozialer Teilhabe für Menschen mit chronischen Erkrankungen sein kann.

Fazit

Die Fallbeispiele von Simon und Paula verdeutlichen, dass postakute Infektionssyndrome nicht ausschließlich mit körperlichen Symptomen einhergehen, sondern häufig auch erhebliche Auswirkungen auf die emotionale Stabilität, das Selbstbild, die soziale Teilhabe sowie die Bewältigung des Alltags haben.

Insbesondere die eingeschränkte Belastbarkeit, die Notwendigkeit eines konsequenten Energiemanagements und die oftmals verzögerte Diagnosestellung stellen Betroffene und ihre Familien vor große Herausforderungen.

Im Rahmen der pferdgestützten Förderung konnten bei beiden Klienten bedeutsame Entwicklungsprozesse beobachtet werden. Gefördert wurden insbesondere die Körperwahrnehmung, die Fähigkeit zur Selbstregulation, die Wahrnehmung und Einhaltung individueller Belastungsgrenzen sowie die Entwicklung eines achtsamen Umgangs mit den eigenen Ressourcen. Darüber hinaus konnten Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und emotionale Stabilität gestärkt werden.

Simon lernte zunehmend, körperliche und emotionale Signale frühzeitig wahrzunehmen, Reizüberflutung zu reduzieren und Strategien zur Regulation seines Nervensystems anzuwenden. Die strukturierte Arbeit mit Nancy unterstützte ihn dabei, im Hier und Jetzt zu bleiben, Sicherheit zu erleben und positive Erfahrungen trotz bestehender Einschränkungen zu sammeln. Parallel dazu konnten seine Belastbarkeit und seine Teilhabe am Alltag schrittweise verbessert werden.

Bei Paula standen insbesondere die Entwicklung von Selbstakzeptanz, die Stärkung ihrer sozialen Handlungskompetenz sowie die Förderung eines gesundheitsförderlichen Umgangs mit den eigenen Grenzen im Vordergrund. Durch die Arbeit mit Nancy entwickelte sie ein differenzierteres Körperbewusstsein, gewann an Selbstvertrauen und lernte, ihre Bedürfnisse klarer wahrzunehmen und zu vertreten. Gleichzeitig verbesserten sich ihre sozialen Kompetenzen und ihre Fähigkeit, sich in neue soziale Gruppen zu integrieren.

Die positiven Entwicklungen beider Klienten lassen sich durch bekannte Wirkmechanismen tiergestützter Interventionen erklären. Tiere begegnen Menschen wertfrei und authentisch, fördern Beziehungsaufbau, emotionale Sicherheit und soziale Verbundenheit. Speziell Pferde reagieren unmittelbar auf Körpersprache, Anspannung und Emotionen und ermöglichen dadurch intensive Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Selbstwahrnehmung. Darüber hinaus können wiederkehrende Rituale, strukturierte Abläufe und die beruhigende Wirkung des Kontakts zum Tier zur Regulation des autonomen Nervensystems beitragen.

Auch wenn die wissenschaftliche Evidenz für den Einsatz tier- bzw. pferdgestützter Angebote bei postakuten Infektionssyndromen bislang noch begrenzt ist, weisen praktische Erfahrungen sowie Forschungsergebnisse aus den Bereichen chronische Erkrankungen, Stressregulation und tiergestützte Angebote auf ein relevantes Potenzial als ergänzende Maßnahme hin. Die Förderung von Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Emotionsregulation und Selbstwirksamkeit adressiert dabei zentrale Bedürfnisse von Menschen mit PAIS.

Die Erfahrungen mit Simon und Paula zeigen, dass pferdgestützte Förderung einen wertvollen Beitrag innerhalb eines multimodalen Behandlungskonzeptes leisten kann. Sie ersetzt zwar keine medizinische Heilbehandlung, kann jedoch dazu beitragen, Ressourcen zu aktivieren, Lebensqualität zu verbessern und Betroffene auf ihrem Weg zurück zu mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und Zuversicht nachhaltig zu unterstützen.

Die Autorin: Anette Yüksel

Anette Yüksel ist Bankfachwirtin, Reittherapeutin und geschäftsführende Gesellschafterin der Mainwiesenhof GmbH. Der Mainwiesenhof verbindet einen Pferdepensionsbetrieb mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten. Gemeinsam mit einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen hat sie dort ein Inklusionsprojekt etabliert, das tagesstrukturierende Maßnahmen und pferdegestützte Interventionen umfasst. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit kognitiven, motorischen oder sozial-emotionalen Beeinträchtigungen erhalten gezielte Unterstützung. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Persönlichkeitsentwicklung sowie der Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen durch pferdegestützte Interventionen.

Anette Yüksel. Foto; Privat

Anette Yüksel vom Mainwiesenhof Ochsenfurt. Foto: Privat